Küchenzeilen unterwegs: Patisserie Belle Epoque, London

Ein Beitrag zur Initiative Sonntagssüß

Es gibt eine Annehmlichkeit des Großstadtlebens, die ich besonders vermisse seit meiner Rückkehr aus London. Das ist, die große weite Welt zum Greifen nah zu spüren. Das gilt auch, und in meinem Fall vielleicht besonders, für die große weite Welt des Genusses. Während hier in der Provinz der einzige gute Chinese oft auf Wochen ausgebucht ist, steht man in Sohos Chinatown der Qual der Wahl der chinesischen Regionalküche gegenüber (nie falsch: das taiwanesische Leong’s Legend).

Es soll ja Puristen unter Touristen geben, die sich nur von der Nationalküche ihres Gastlands ernähren wollen. Aber ganz ehrlich – was ist das überhaupt? Eine Stadt wie London ist zwar nicht unbedingt ein ‚melting pot‘. Aber ganz sicher eine Ansammlung von vielen Menschen mit unglaublich unterschiedlichen Hintergründen. Daher hat vermutlich jede Küche gleichermaßen das Recht, sich als ‚typisch‘ zu bezeichnen. Ganz abgesehen davon – über die englische ‚Küche‘ (zu der spätestens seit Robin Cooks– haha – Rede übrigens auch Chicken Tikka Masala gehören soll)  ist ja schon genug gesagt worden.

Sorry Jamie, sorry Hugh, irgendjemand bestätigt halt immer die Regel. Ihr wisst, ich liebe euch. Aber Jamie: Deine erfolgreiche Restaurantkette heißt doch nicht umsonst ‚Jamie’s ITALIAN‘. Und nicht etwa ‚Jamie’s British‘. Du wirst schon wissen, warum.

Weltoffen wie ich also war, spazierte ich Ende Juli das erste Mal die Straße von meiner neuen Unterkunft (ich musste einmal umziehen während meines Aufenthalts) Richtung Bushaltestelle und stolperte über dieses wunderhübsche Café: Belle Epoque. ‚Artisan Boulanger‘, stand auf dem Schild. Ich sah die kleinen Tischchen auf dem schmalen Gehweg, spähte durch die Schaufenster, entdeckte Körbe voll mit Baguettes und eine ganze Glasvitrine mit Tartes und Tartelettes. In der Tat sehr schön, das Ganze.

‚Patisserie Belle Epoque‘. Allein der Klang dieser Worte…in Gedanken wiederholte ich sie an diesem Tag viele Male. Sie wurden zu Musik in meinen Ohren. Sie ließen die Scones im Café der British Library noch trockener erscheinen, als sie ohnehin waren. Ich konnte mich nicht mehr auf die Arbeit konzentrieren. Ich begann, Backbücher statt Gentrifizierungsprozesse zu recherchieren. Obwohl die wiederum thematisch gar nicht so weit entfernt waren vom florierenden Belle Epoque im ‚up-and-coming‘ Newington Green

Sehr zufrieden mit dieser Erkenntnis versprach ich mir, am nächsten Morgen für einen petit café und ein pain aux raisins einzukehren.

Auf meinem Weg zum Café konnte ich schon von weit her die frischen Croissants aus der Backstube im Keller riechen. Beim Betreten des Cafés fühlte ich mich wirklich und wahrhaftig nach Frankreich versetzt. Vielleicht nicht unbedingt nach Paris. Eher in das beste Café am Platz einer kleineren Provinzstadt, so wie ich sie aus vielen Urlauben kenne. Obwohl die Sonne durchs Fenster schien, war es ein klein wenig düster, wozu die braunen Holzmöbel beitrugen, die Verkäuferin grüßte keine Nuance freundlicher als nötig, die Auslage sah verlockend aus. Alles wie in Frankreich, wie gesagt.

Die Wahl fiel mir nicht schwer, denn beim ersten Besuch beim französischen Bäcker esse ich immer eine Rosinenschnecke. Aber es gab auch alles andere, und mehr, was das frankophile Kuchenbäckerinnenherz begehrt: Croissants, Pains au chocolat, Brioches, Quiches…und selbst, als Zugeständnis an die verwöhnten Londoner vermutlich, Brownies. Und alles sah genau so aus wie in Frankeich!

Die Rosinenschnecke schmeckte auch so. Kein Wunder, der Patissier und seine Frau kommen tatsächlich aus Frankreich – da hat er sogar mal ein croque en bouche gebacken so groß, dass es ins Guiness Buch gekommen ist. Ich konnte immer wieder französische Wortfetzen aufschnappen zwischendurch. Der Kaffee war natürlich auch fantastisch, das ist Ehrensache für die Franzosen, ca va sans dire, hein?! Es gab sogar zwei verschiedene Espressosorten zur Wahl.

(Die Fotos sind leider teilweise etwas unscharf. Ich war ein klein wenig aufgeregt, so ein Juwel entdeckt zu haben. Ganz zufällig und alleine, ohne Time Out & Co.)

Der Kaffee war so gut, die Atmosphäre so entspannt, dass aus einem Kaffee zwei wurden und zur Rosinenschnecke noch ein halber Croissant dazu kam. So ließ ich einen guten Teil des Vormittags im Belle Epoque verstreichen, an meinem Tisch am Fenster, von dem aus ich das gemächliche Straßengeschehen rund um den kleinen Park gegenüber gut im Blick hatte. Und angesichts der immer wieder ins Café tröpfelnden Kundschaft –  schöne junge Frauen mit teuren Kinderwagen, Hipster in bunten Turnschuhen, kein Klischee wurde ausgelassen – konnte ich mir sogar einbilden, die Zeit zur Feldforschung zu nutzen.

Patisserie Belle Epoque

37 Newington Green
London N16 9PR

Öffnungszeiten
Di-Fr 8:00- 18:00
Sa 9:00 – 18:00
So 9:00- 17:00

Sonntagssüß heute bei Julie – fleissige Bäckerinnen zu bewundern: hier.

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15 Antworten zu Küchenzeilen unterwegs: Patisserie Belle Epoque, London

  1. Muriel schreibt:

    Ach… Sowas müsste es in Deutschland auch viel mehr geben.
    Ich krieg schon wieder Zähneknirschen, wenn ich an das unvermeidliche und offenbar auch nicht erweiterbare Rosinenbrötchenbienenstichzuckerkuchenkäsenrötchenamerikanersortiment der deutschen Einheitsbäckerei&Konditorei denke.
    Ich weiß nicht, wo Deutsche die Frechheit hernehmen, sich über das britische Essen lustig zu machen.

    • Anna schreibt:

      Hehe, da hast du natürlich Recht mit deiner letzten Bemerkung – ich hoffe, du hast dir beim Lesen meiner ‚Kritik‘ ein Augenzwinkern dazu gedacht – ich liefere es hiermit nach: 😉 Schlechtes Essen gibt es überall. Was genau die ‚englische‘ Küche überhaupt sein soll, ist ja auch völlig unklar (s.o.).

      Ich habe im Übrigen gar nichts gegen ein gutes (!!) Rosinenbrötchen, aber das scheint mir dank Teiglingen all überall am Aussterben.

      • Muriel schreibt:

        Hab ich verstanden, deswegen kam mir beim Schreiben auch gar nicht in den Sinn, dass mein Kommentar auch vorwurfsvoll aufgefasst werden könnte. Sollte er nicht sein.
        Und ich esse gelegentlich sogar mal einen Amerikaner oder ein Stück Bienenstich, auch wenn ich nicht stolz drauf bin. Wäre trotzdem schön, wenn man eine Alternative hätte. Zum Glück gibt’s ja noch Coppenrath & Wiese. Mit dem Tiefkühlkram aus dem Supermarkt kann keine mir bekannte Konditorei mithalten. Und wie traurig ist das, wenn man mal drüber nachdenkt?

      • Anna schreibt:

        (Und wie meine drei treuen Leserinnen wissen, ist mir keine Bemerkung zu blöd, um in einem Post irgendwie Jamie Oliver erwähnen zu können…)

      • Muriel schreibt:

        Ich empfinde eine tiefe, mir selbst nicht ganz verständliche Antipathie gegen diese Fernsehköche, obwohl ich eigentlich natürlich nicht weiß, dass nicht alle sind wie Alfons Schubeck oder Horst Lafer…

  2. Anna schreibt:

    Ich habe ehrlich gesagt noch nie was von C&W probiert – aber das liegt vielleicht auch daran, dass ich, wenn ich Zeit habe, lieber selbst backe als einkaufe. Dass die durchschnittliche Bäckerei so langweilig ist, ist eigentlich erstaunlich. Denn es gibt ja gerade auf dem Land (zumindest wo ich herkomme) eine unglaubliche (Kunst)Fertigkeit der Kuchen- und Tortenherstellung. In meiner Kindheit war jeder Geburtstag auch ein inoffizieller Tortenwettbewerb. Aber vielleicht ist das auch genau der Grund, warum Bäckereien nur die ‚Basics‘ anbieten: vielerorts wird am Wochenende ja tatsächlich noch regelmäßig für die Kaffeetafel gebacken (siehe Sonntagssüß).

    • Muriel schreibt:

      Glaub ich nicht so recht. Außerdem könnten sie ja zumindest für schnell zum Mitnehmen mal was Originelles anbieten. Ich weiß auch nicht, ob ich mir regelmäßig eine Riesentorte vom Konditor holen würde, aber einfach mal was anderes für die Mittagspause wär schon fein.

  3. Klingt nach einem rundum gelungenen Cafébesuch! 🙂 Wie kommt es, dass Du mit Rosinenschnecken „testest“? Einfach Dein Liebling, oder…?

    Viele Grüße von
    Marlene

    • Anna schreibt:

      Ich habe ein paar Obsessionen, und zu denen gehören neben Brownies und Käsekuchen eben auch französische Rosinenschnecken – irgendwas an der Kombination von Blätter(oder manchmal auch Hefe!)teig, Pudding und Rosinen ist einfach perfekt. Die Vorliebe kann aber auch genetisch sein; mein Vater hat sie auch.

  4. Liebe Muriel,

    dein Bericht hat mich wieder daran erinnert, dass ich mal wieder nach London sollte. Wenn du noch dort bist, habe ich einen Tipp für dich, denn mein Freund Gerhard Jenne hat dort unter dem Namen „Konditor & Cook“ einige kleine Konditoreiläden eröffnet. Und da ich mit ihm gemeinsam Konditor gelernt habe, kann ich dir seine Konditoreispezialitäten nur empfehlen.

    Es grüßt aus dem kalten München

    Martin

  5. Liebe Anna,

    Entschuldigung, da habe ich wohl die Namen verwechselt. Der Tipp war natürlich an dich. Ich hoffe du verzeihst mir noch einmal.

    Mit unterwürfigen Grüßen

    Martin

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  8. Lara schreibt:

    Ich bin auf der Suche nach einem Kale Chips Rezept auf deine Seite gestoßen und finde die Seite wirklich gelungen. Leider bin ich in dem oberen Text über eine Zeile gestolpert, die ich mir als Wahl-Londonerin nicht erklären kann. Ich habe in London studiert und der Satz „Eine Stadt wie London ist zwar nicht unbedingt ein ‘melting pot’.“ kannst du nicht ernst gemeinte haben? In London leben fast so viele verschiedene Nationalitäten wie in New York…kleine Gedankenstütze

    http://www.standard.co.uk/news/270-nationalities-and-300-different-languages-how-a-united-nations-of-workers-is-driving-london-forward-6572417.html

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