Ein Herz für Geschirr, oder: ein Platz in der Küchenschublade

Für Oma Michelstadt.

Diese Woche hatte ich noch nicht viel Zeit zum Kochen. Anstelle eines Rezepts will ich daher heute die wunderschönen Dinge mit euch teilen, die ich gestern im Gebrauchtmöbelladen ergattert habe. Dort gibt es nämlich nicht nur Schränke, Betten und Sessel, sondern auch zwei Räume voll mit gebrauchtem Geschirr – ‚Vintage‘, wie es so schön heißt.

Ich weiß, dass es manche Menschen eklig finden, in solchen Läden einzukaufen. Immerhin stöbert (oder wühlt, je nach Anspruch des Ladens) man dort oft in den Hinterlassenschaften von Verstorbenen, die bei Haushaltsauflösungen angefallen sind. Pietätlos? Die Frage, ‚Was bleibt von mir, wenn ich mal nicht mehr bin‘, lässt sich jedenfalls angesichts der überbordenden Regale im hiesigen Möbelladen ganz einfach beantworten: ein Haufen Plunder, den keiner mehr will. Die schöne Sammeltasse, die fein verzierten Likörgläschen, das ‚gute‘ Geschirr mit dem Goldrand, die vielbenutzte und deswegen schon leicht zerkratzte Kuchenplatte – Dinge, die für einen Menschen einmal von besonderem Wert waren, für die vielleicht eisern gespart wurde und an denen sicher Erinnerungen hingen,  werden achtlos in die Regale gepfeffert und in Plastikwannen auf dem Boden davor gestapelt.

Die Sachen erinnern mich an den Inhalt der Küchenschubladen meiner verstorbenen Oma, der auch irgendwann in so einem Laden gelandet ist. Nur ein paar Schneebesen und Löffel habe ich gerettet. Man kann ja nicht alles aufheben, hieß es, und irgendwie stimmt das ja auch. Trotzdem hätte ich damals gerne nicht nur all ihre Küchenutensilien, sondern ihr ganzes Haus samt Möbeln, Bildern und abgelaufenen Katzenzungenpackungen bewahrt wie es war. Ein verzweifelter und vergeblicher Impuls, die entstandene Leere durch die Anhäufung von Erinnerungsstücken zu füllen.

 Jeder Gegenstand, den ich in die Hand nehme, hat eine Geschichte. Sie erzählen von alten Zeiten, von Familienfeiern und einsamen Stunden in der Küche, von Schweinebraten und Vanillepudding, vom gemeinsamen Backen von Weihnachtsplätzchen mit den Enkeln und einfallslosen Geburtstagsgeschenken. Ich sehe die alten Frauen – es sind immer Frauen! – vor meinem inneren Auge; es sind einsame Damen mit kurzer grauer Dauerwelle und Kittelschürze, wie ich sie von früher, vom Dorf kenne.

Es gibt Überraschungen: Da! Was macht dieser neue, glänzende Schneebesen mit rotem Plastikgriff zwischen all dem angelaufenen Silberbesteck? Ein spätes Geschenk der Tochter, das aber nie benutzt wurde? Und dort: Warum fehlt der Henkel an einer Teetasse eines ansonsten bestens gepflegten Service’? Am liebsten würde ich alles mitnehmen und sauber machen und ordentlich hinstellen, um den Dingen und ihren ehemaligen Besitzerinnen ihre Würde zurückzugeben.

Um den Hausfrieden nicht allzu sehr auf die Probe zu stellen, sehe ich allerdings davon ab, den ganzen Laden aufzukaufen. Eigentlich wollte ich ja auch ‘nur mal gucken’ gehen. Als Kompromiss suche ich mir die schönsten Teller heraus, sammle zwei Suppentassen ein, lege ein wenig Silberbesteck und zwei Glasschälchen dazu und fahre, fünf Euro ärmer, nachhause. Mit den fünf Euro habe ich mich wahrscheinlich noch über den Tisch ziehen lassen. Aber die Sachen, die keiner mehr will, sind mir das wert.

Während es so mancher also komisch findet, mit Dingen zu hantieren, die fremden, toten Menschen gehörten, freue ich mich über die Geschichte, die sie mitbringen und darüber, dass ich ihnen ein schönes neues Zuhause geben kann, wo sie weiter geliebt und gepflegt werden. Auch wenn – oder gerade weil – weiterhin jede Berührung mit ein klein wenig Melancholie vibriert. Und wenn ich ehrlich bin, hoffe ich wohl dabei auch, dass das ein oder andere Teil aus Omas Küche mittlerweile den Weg in eine neue Schublade gefunden hat.

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14 Antworten zu Ein Herz für Geschirr, oder: ein Platz in der Küchenschublade

  1. Ann schreibt:

    Neid! So schöne Teller🙂
    In unserem örtlichen „Sozialkaufhaus“ gibt’s leider nur Möbel. Und Gardinen.. Kein Geschirr.. Selbst wenn, ich wüsste gar nicht wohin damit. Habe nämlich noch aus Kindertagen ein vollständiges Service (Essteller, Kuchenteller, Untertassen, Kaffeetassen, Servierplatte*, Besteck und Isolierkanne) in quietschgelbem „Maus mit Käse“-Design im Schrank stehen. Wenn ich dafür mal einen liebevollen Nachbesitzer gefunden habe, mache ich mich auch auf die Suche nach schönen Einzelteilen.
    Meine Mutter hat letztes Wochenende ihr erstes eigenes Porzellan (beigeviolett bemahlt, 30+ Jahre alt) mal wieder aus dem Schrank geholt, weil es so gut zur neuen Tischdecke passt. Danach hat sie drüber nach gedacht, ob sie es nicht mal in die Spülmaschine stellen sollte – „man weiß ja nicht ob es spülmaschinenfest ist. Damals gabs ja noch keine Spülmaschinen.. hehe“. Mein einziger Kommentar war „Bloß nicht, du spielst hier mit meinem Erbe!“😉

    LG
    Ann

    *Rechtschreibkorrektur schlägt „Seevierplatte“ vor. Was ist denn das bitte?!

    • Anna schreibt:

      Ann, auch ich weiß ehrlich gesagt nicht genau, wohin mit den neuen Sachen – die Küchenschränke sind voll, und so wird wohl ‚altes‘ (also vorher da gewesenes) Geschirr weichen müssen; ironischerweise dabei auch ein paar geerbte Teller von Oma, die allerdings ‚made in China‘ sind, so dass davon nur ein Erinnerungsteller aufgehoben werden wird, denke ich.

      Interessant, dass deine Mutter scheinbar auch so selten ihr ‚gutes‘ Service rausholt – wenn ich die so im Gebrauchtladen rumstehen sehe, wunderbar gepflegt und doch ausgemustert, denke ich immer, man sollte es sich wert sein, die ‚guten‘ Sachen öfter zu nutzen! Fehlende Spülmaschinentauglichkeit ist da jedoch ein gutes Argument dagegen😉

  2. Ela schreibt:

    Also liebe Anna,
    5€ in solch liebreizende Gegenstände zu investieren lohnt sich, wie ich finde, auf jeden Fall! Jeder einzelne dieser so hinreißend (manch einer mag es vielleicht eher kitschig nennen) verzierten Teller und Tassen kann vermutlich so manche Geschichte von gemütlichen Kaffekränzchen und köstlichem Gebäck erzählen… Diese kleinen Schätze sind für einen Platz neben unserem 08/15 Einheitsgeschirr fast schon zu schade. (Aber wer weiß, vielleicht verleihen wir unserem aktuellen, modernen Geschirr ja mit der Zeit auch eine Art Seele?!)
    Ich selbst bin ein glühender Fan von Flohmärkten und gepflegen „Vintage“ Dingen (konnte leider vor kurzem einfach nicht wiederstehen einen alten mit Holz beheizten Küchenherd zu kaufen, der jetzt in unserem Wohnzimmer thront). Freue mich sehr, dass es immer mehr Menschen gibt, die den Wert von alten Dingen neu entdecken…

    Kompliment für deinen Blog!!

    Liebe Grüße
    ela

    • Anna schreibt:

      Ja, ich finde auch, dass die 5 Euro gut investiert sind! Mein Freund ist übrigens definitiv einer der Vertreter der ‚Kitsch!‘-Fraktion; mich wundert schon, dass er sich bislang nicht über die demonstrativ auf dem Wohnzimmertisch zwischen gelagerten Teller beschwert hat…denn auch ich gehe wahnsinnig gerne auf Flohmärkte, und komme eigentlich immer mit irgendeinem schönen alten Teil zurück. Ein Küchenherd war allerdings bislang noch nicht dabei – mensch, ich glaube, dann hieße es ‚ich oder der Herd‘ von seiner Seite🙂

      Danke für dein Kompliment – schau bald wieder vorbei!!

  3. zorra schreibt:

    Ich find das gar nicht merkwürdig sonder schön. Man muss schliesslich nicht immer alles wegschmeissen, nur weil es alt ist. Einen guten Fang hast du da gemacht.

    • Anna schreibt:

      Danke!🙂 Ich bin ganz froh, ab und an Alternativen zum IKEA-Einerlei zu finden.

      • Ann schreibt:

        Das Ikea-Einerlei finde ich auch grausig. Habe von Ikea als wirklich „Alltagsgeschirr“ nur ein paar Müslischalen Färgrik (die von anderen Herstellern waren alle so klein!) und eine von diesen 50cl Kaffeetassen. Der Rest ist, laut eines Villeroy+Boch-Fan Exfreundes, nachgemachtes Villeroy und Boch Porzellan.
        Meine Mutter hat einen kompletten raumhohen und raumbreiten Wohnzimmerschrank (massive Eiche, noch so ein Teil dass ich wunderschön finde) voll mit Besteck, diversen kompletten Servicen (sogar ein paar Mal echtes deutsches Porzellan) und verschiedensten Gläsern.. Meine Mutter hat die Sachen mal gesammelt.

  4. germanabendbrot schreibt:

    Die Sachen sind wunderhübsch. Wir haben auch ein wildes Sammelsurium an Geschirr (und langsam immer weniger Stauraum – trotz Riesenküche). Ganz besonders heiß und innig lieben wir sämtliche Schalen, Schälchen und Suppengefäße aus dem Asia-Laden, weil wir so häufig asiatisch kochen. Und natürlich mein Thali-Metall-Geschirr für Indisches🙂
    PS: Dein Blog gefällt mir übrigens sehr gut! Und wir haben beide zeitgleich angefangen mit der Bloggerei🙂 Deine Fotos sind aber viel, viel schöner! Ich komm jetzt öfter vorbei…

    • Anna schreibt:

      Große Küche? Hast dus gut🙂 Unsere Küche ist ganz klein; ich halte aber immer die Augen auf nach einer schönen alten Anrichte fürs Wohnzimmer, wo ich die Schmuckstücke unterbringen könnte. Von dem Thali-Geschirr habe ich schon auf deinem Blog gelesen – daraus schmeckt das Curry bestimmt umso besser!

      Danke für dein Kompliment; auch ich gucke sehr gerne bei dir vorbei – ich mag deinen Blognamen sehr!

      • germanabendbrot schreibt:

        Awwww, you made my day!🙂
        Ja, die große (helle!) Küche ist ein Traum, für den ich jeden Tag sehr, sehr dankbar bin. Der einzige Nachteil ist, dass sie zwar zum Wohnzimmer hin eine Flügeltür hat, aber zum Flur hin offen ist, so dass zum Beispiel Fischbratgerüche gerne überall hinziehen… Aber ich will mich wirklich nicht beschweren.
        So eine Anrichte ist eine feine Sache. Aber ich habe gemerkt: je mehr Stauraum, desto mehr wird angehäuft. Und manchmal ist es vielleicht besser, wenn man sich etwas einschränken muss. Denn auch große Küchen platzen irgendwann mal aus allen Nähten🙂

  5. Barbara schreibt:

    In solchen Läden sind ja auch Sachen von Leuten, die Platz für neues brauchen oder in eine kleinere Wohnung umziehen. Wir haben gerade auch eine Menge weg gebracht (nicht von uns), einiges sieht sehr ähnlich aus. Richtig schöne Schätze dabei. Horten bringt nichts, dafür gibt es solche Läden oder andere Möglichkeiten (Flohmärkte usw.), um zu verkaufen/verschenken und zu kaufen/geschenkt bekommen. Das erhält den Kreislauf. In Kulmbach kann ich Euch einen Laden empfehlen, Stöber-Stübla, Spitalgasse 18.

    Was anderes: Ganz aktuell läuft eine Spendenaktion für Japan mit Schweizer Schokolade. Ich finde, das ist eine gute Sache und ich habe Dich mit einer Schokolade beschenkt.🙂 Details hier und hier.Würde mich freuen, wenn Du mitmachst.

    • Anna schreibt:

      Liebe Barbara,

      Danke für Deinen Kommentar! Du hast recht, horten bringt nichts – trotzdem ertappe ich mich ab und an bei ‚Hamsterkäufen‘ wenn mir Dinge besonders gut gefallen. Aber ich kenne auch das Gefühl, dass mir all die materiellen Dinge um mich rum manchmal zu viel werden, und dann ist es gut, sagen zu können: toll, dass ich all diese wunderbaren Dinge habe – aber ich weiß, wirklich ‚brauchen‘ tue ich all das nicht, um glücklich zu sein. Wenn ich mal in der Nähe von Kulmbach bin, werde ich deiner Ladenempfehlung allerdings auf jeden Fall nachgehen🙂

      Danke auch für die Links zur Spendenaktion! Das ist eine tolle Sache!! Ich konnte sie leider erst jetzt checken und musste feststellen, dass die Aktion wegen so großer Popularität mittlerweile erstmal gestoppt wurde, weil das Spendenziel schon erreicht wurde – ich halte aber die Augen auf, ob es eine Wiederaufnahme gibt.

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